Rabentod

Inhalt

Isa und Alexej sind dem Jäger entkommen, aber ihr Glück währt nur kurz: Auf einem ihrer Streifzüge durch den Wald findet Isa einen Raben, dem das Herz herausgeschnitten wurde. Ihre dunkle Vorahnung wird zur Gewissheit, als sie erfährt, dass der tote Vogel tatsächlich ein Rabe aus Alexejs Schwarm ist. Dann wird Alexej entführt, und jeder Tag, der vergeht, hält für ihn neue Qualen bereit. Um ihn zu retten, muss sich Isa ausgerechnet mit dem Mann verbünden, der ihr am meisten Angst einjagt: Sergius. Zusammen schmieden sie einen verzweifelten Plan, bei dem jeder von ihnen einen hohen Preis zahlen muss. Doch ihnen bleibt keine andere Wahl, denn der Tod kommt mit schnellen Schwingen …

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»Vertraust du mir?« Er tastete nach meiner Hand. Und auch, wenn es nachtschwarz in diesem Korridor war und ich nichts, aber auch gar nichts erkennen konnte, wusste ich doch ganz genau, dass er eine Gänsehaut hatte. Weil ich sie nämlich auch spürte. Überall.
»Nein«, erwiderte ich. »Ich traue dir kein bisschen über den Weg.«

»Rabentod« ist mein sechster Roman. Nach der Veröffentlichung von Rabenblut dauerte es beinahe vier Jahre, bis ich dazu in der Lage war, diese Fortsetzung zu schreiben, und inzwischen kann ich selbst kaum glauben, wie lange ich Isa und Alexej allein ließ. Vielleicht war es die Angst davor, was passieren würde, denn das Ende dieses Bandes stand für mich schon immer fest, war in Stein gemeißelt. Meine Lektorin meinte, es sei ein Jugendthriller. Ich behauptete, es könne schon mal kein Jugendbuch sein, weil die beiden Protagonisten zu alt dafür wären. Und überhaupt ginge es ja um Liebe. Doch ich kann nicht leugnen, dass der zweite Band düsterer geworden ist, als ich mir das vorgestellt hatte. Aber es ist — glaube ich — ein ziemlich spannendes Buch, in dem die Liebe auf jeden Fall den größten Anteil hat. Ich bin froh, dass mir noch der dritte Band bleibt, mit dem ich die Wunden wieder schließen kann. Und was mir vor allem bleibt, ist der Wald. Es gibt kaum etwas Tröstlicheres als ein Spaziergang durch die Natur, den weichen Moospolstern unter den Füßen, das Knacksen im Geäst, das Trompeten der Kraniche im Himmel über uns, das Wuseln im Laub begleitet vom Krächzen der Raben …
Um mir besser vorstellen zu können, was meine Heldin jeden Tag bei ihrer Arbeit im Nationalpark sieht, war ich vor kurzem im Nationalparkzentrum Lusen im Bayerischen Wald. Und natürlich auch, um meine Nase von den Gerüchen kitzeln zu lassen. Besonders gespannt war ich auf die Fütterung der Wölfe. Ich harrte lange aus. Nicht allein, sondern mit mehr als fünfzehn Profi-Fotografen, deren Objektive die Größe von Tannenbaumtrichtern hatten. Erst war es mir peinlich, meine mickrige Kamera daneben auszupacken. Aber ihnen war es offensichtlich auch nicht peinlich, Wägelchen durch den Wald zu ziehen, die ihr Equipment tragen konnten. Leider hatten wir alle kein Glück und die Wölfe kein Interesse am Köder — nur ein paar Rabenvögel pickten mehr oder weniger lustlos daran herum.
Soundtrack zum Roman »Rabentod«

Trooping With Crows

Komponist: Abel Korzeniowski
Album: Romeo and Juliet

Morceaux de fantaisie, Op. 3 no. 1
Komponist: Sergej Rachmaninov

Arrival Of The Birds
Artist: London Metropolitan Orchestra
Album: The Crimson Wing: Mystery Of The Flamingos

Diamond Music
Artist: Tim Neumark
Komponist: Karl Jenkins

In Bruges
Artist: Michel Simone
Komponist: Carter Burwell

Piano Sonata No. 2 in fis-Moll, Op. 36, II. Non allegro
Komponist: Sergej Rachmaninov

Dance For Me Wallis
Komponist: Abel Korzeniowski
Album: W.E.

The Cheek Of Night
Komponist: Abel Korzeniowski
Album: Romeo and Juliet

Pavane pour une infante défunte
Komponist: Maurice Ravel

Fragile
Artist: 2Cellos

Shape Of My Heart (Arr. Dave Maric)
Artist: Sting, Katia Labèque

Südböhmen, irgendwo von Kvilda bis Želnava
Das Reisen zur Recherche könnte mein neues Hobby werden. Mich einfach ins vollgetankte Auto setzen, einen heißen Tee im Getränkehalter, die Kamera griffbereit und im CD-Player eine Folge vom Gruselkabinett – ich wäre selig. Als ich Rabenblut schrieb, kannte ich von Tschechien — bis auf einen Kurztrip nach Prag, den ich meinem Liebsten völlig selbstlos zum Geburtstag geschenkt hatte — nur die Fotos meiner Internet-Recherche und die Ansichten bei Google Earth. Im Oktober fuhr ich dann spontan nach Südböhmen, um zu sehen, wo meine Helden eigentlich genau leben und fliegen. Ohne Reiseführer, nur mit dem Wunsch, etwas von der Atmosphäre aufzusaugen und der Hoffnung, allein die tschechische Luft — insbesondere der Nebel — würde mich zum Schreiben animieren.
Burg Orlík, in der sich die dramatischsten Szenen meines neuen Romans abspielen, liegt auf einem Felsen, der in die Moldau hineinragt. Aus einem der Fenster klettert die Heldin Isa mehr oder weniger freiwillig. Ich wäre ja tausend Tode gestorben. Wie gut, dass Romanhelden so viel wagemutiger sind. Außerdem muss ich zugeben, dass ich mich nicht akkurat an die Realität hielt, sondern in der Architektur herumpfuschte. Gerade im Inneren (leider durfte ich davon keine Bilder machen), vergrößerte ich Räume und ordnete sie anders an. So ist zum Beispiel die Kapelle in echt so winzig, dass nur eine Handvoll Menschen hineinpassen und keinesfalls noch der Bösendorfer, auf dem Alexej in der Geschichte spielt.

An meinem letzten Abend aß ich in einem Restaurant in Český Krumlov und unterhielt mich angeregt mit dem netten Kellner, der — weil ich sein einziger Gast war — nichts Besseres zu tun hatte. Auf meine Frage, ob er in der Schule so gut Deutsch gelernt habe, antwortete er mir: »Ja, aber nicht nur. Auch von meiner Großmutter.«
»Ist Ihre Großmutter Deutsche?«
»Nein, aber sie war damals im Lager.«
Es entstand eine peinliche Pause, in der ich erst nur ein »Oh« rausbrachte und dann überlegte, ob ich mich dafür irgendwie entschuldigen müsse. Jedenfalls sagte ich ihm, dass mir das leidtue und meine Urgroßmutter ebenfalls Tschechin gewesen sei, aus Příbram. Ob ich das richtig ausgesprochen habe, hakte ich nach. Er lachte. Ja, das sei ganz okay gewesen.