Gute alte Freundin

Sie ist da.
Im Grunde habe ich nichts gegen ihren Besuch, freue mich sogar darüber.
Sie kommt nie unangemeldet, sondern immer dann, wenn das Laub geht. Diesmal habe ich ihre Ankunft nicht sofort bemerkt, weil ich durch die vielen Termine abgelenkt war.
Aber jetzt sitzt sie vor mir. Ihr Kleid ist fadenscheinig, und als sie ihre dünnen Beine von meinem Tisch herunterbaumeln lässt, sehe ich, dass sie ein paar blaue Flecken hat. Das tut mir leid. Ich bin mir sicher, die hat ihr jemand zugefügt, der sie nicht bei sich haben wollte.
Ich streiche ihr über den Kopf und flüstere beruhigende Worte. Hier ist sie willkommen. Niemals würde ich sie abweisen, denn ihre Ruhe tut auch mir gut. Sie ist nie laut oder aufdringlich. Melancholias Stimme ist zerbrechlich wie trockenes Laub. Ihr Blick geht zum Fenster, wandert über die Nebelwiesen und bleibt an den Birkenblättern hängen, die jetzt im Herbst genau dieselbe Farbe haben wie ihr Haar. Ich möchte ihr die Beeren der Eberesche pflücken und zwischen die Strähnen stecken, aber ich darf noch nicht.
Dabei merke ich ganz deutlich, dass mein Rumpf leer ist. Die Luft ist raus. Bitte kräftig pusten!, verlangt der Stempel auf meiner Brust. Ein wenig drückt er auch. Das habe ich schon bei der letzten Lesung gemerkt: Die Szene, bei der einer meiner Protagonisten stirbt, lässt meine Stimme flackern wie eine Schiffslaterne. Ich sehe mir Fotos an und sofort läuft mir Wasser aus den Augen. Vielleicht bekomme ich auch nur meine Tage.
Ich vergesse zu essen – das passiert mir sonst nie.
Ich bin satt.
Ich bin 35. Aber irgendwo hinter dem Brustbein, da bin ich gerade 65.
Andere sind so schnell, schreiben einen Roman nach dem anderen. Ich bin froh, wenn ich meine eigene Stimme hören kann, von Aufschreiben ganz zu schweigen. Meine Ohren wollen nicht hören. Die Flimmerhärchen sind abgerieben, die zarte Haut darunter ganz wund. Eine Nocturne in b-Moll wird vielleicht helfen.
Ich bin so froh, dass sie da ist: gute alte Freundin Melancholia. Die Ruhe, die sie allein mit ihrer Anwesenheit verbreitet, lässt mich auf Watte gehen. Sie wählt Bücher für mich aus und füttert mich mit Sätzen. Sie versteht, dass ich nicht geliked werden möchte. Dass ich mich zurücksehne nach einer Zeit ohne Herzchen und Buttons.
Jetzt gerade nickt sie mir zu. Was das heißt, weiß ich, auch wenn sie es nicht ausspricht: Du musst nicht lächeln. Lächeln ist bedeutungslos.
Das erleichtert mich.
Und ich bin unendlich froh, dass sie da ist. •