Lieber Herr Röhrs

Wir kennen uns nicht persönlich. Trotzdem hatte ich das dringende Bedürfnis, Ihnen zu schreiben.
Ich bin aus allen Wolken gefallen, und daran sind Sie schuld!
Heute packte mein ältester Sohn seine Schultasche und ließ einen Satz fallen, der mich bis in die Haarwurzeln erbeben ließ. Er sagte:
»Oh, wie geil, morgen habe ich Chemie!«
Er meinte das nicht ironisch. Das erkannte ich an seinem breiten Grinsen und an der Tonlage, die nahe bei »Wir fahren gleich zu McDonald’s!« oder »Ich bin schon in Level 39!« lag.
Sie werden verstehen, dass mich diese Begeisterung in Erstaunen versetzte. Mein Sohn ist kein Streber. Er geht in die Schule, aber nicht freiwillig. Er lernt, weil er muss. Ansonsten interessiert er sich nur für drei Dinge: den Fußball-Verein, für den er spielt, die Bundesliga-Tabelle und Schalke 04. Außerdem kann er das Fernsehprogramm auswendig (Champions League), und er liest Zeitung (Sportteil).
Und nun spricht er von Chemie!
Ich versuchte, meinen Schock zu verbergen, aber es gelang mir nicht. Ich fragte ihn, was denn so Besonderes an Ihnen sei, dass er sich auf einmal für die Naturwissenschaften interessiere.
Er meinte: »Herr Röhrs ist einfach genial!«
»Was ist denn an ihm so toll?«
»Er ist nett.«
»Aha. Und sonst?«
»Er ist cool.«
Das half mir nun nicht wirklich. Ich wusste also, Sie sind nett und cool. Aber weiter?
»Was macht er denn anders als die anderen Lehrer?« Jetzt wollte ich es genau wissen.
»Er zeigt uns jedenfalls keine rote Karte, wenn wir laut sind, so wie die anderen.« Mein Sohn verdrehte die Augen.
»Was denn?«
»Wenn wir quatschen, dann ruft er ganz laut ›Hey, hey, hey!‹. Und wir müssen dann alle antworten: ›Ho, ho, ho!‹«
»Und dann seid ihr still?«
»Fast immer. Wenn noch einer stört, dann muss er Liegestütze machen.«
»Musstest du denn schon mal Liegestütze beim ihm machen?«
»Spinnst du? Ich will doch was hören!«
Ach.
Das war der Moment, in dem ich wirklich und wahrhaftig sprachlos war. Heute habe ich mir dann das Chemieheft meines Sohnes angesehen. Insgeheim hatte ich ja den Verdacht, dass Sie den Kindern einfach nur einen Kinofilm anstellen und es als Unterricht tarnen. Ist aber nicht so. Ich las, dass jede Arbeitsgruppe bei Ihnen einen Namen hat. Die Gruppe meines Sohnes heißt ACDC. Als Letztes hat mein Sohn bei Ihnen etwas über »Stoffeigenschaften« gelernt. Die Stationen, die er bearbeiten musste, hatten Namen wie »Heiß, heißer, am heißesten«, »Du bist aber anziehend!« oder »Alter Sack«.
In seinem Schnellhefter fand ich ein Arbeitsblatt mit dem Titel »Das seltsame Verhalten von Schokoriegeln«. Mein dauergelangweilter, pubertierender Sohn hat mit Begeisterung das Volumen von Milky Way und Snickers berechnet. Und er macht sich neuerdings über mich lustig, weil ich keine Ahnung habe, was ein Teclubrenner ist. (Ich hatte leider nicht Sie in Chemie, sondern Schwester Ingrid. Und Schwester Ingrid in der schwarzen Kutte … aber lassen wir das, die Erinnerung daran ist immer noch schmerzvoll.)
Warum ich Ihnen nun aber schreiben wollte, hat einen ganz simplen Grund: Ich möchte mich bei Ihnen bedanken.
Ich verehre und bewundere Sie!
Und ein wenig bin ich traurig, dass ich nicht Sie in der Schule hatte, sondern diesen Besen. Was hätte alles aus mir werden können, wenn nicht Schwester Maria Scholastika mit dem Stock auf das Pult geknallt hätte oder Schwester Ingeborg so viel gespuckt hätte, dass niemand bei ihr in der ersten Reihe hatte sitzen wollen. (Das, was sie da ausspuckte, roch auch nicht gut.)
Ich hätte Chemikerin werden können. Es klingt sehr spannend, wenn mein Sohn mich jetzt die verschiedenen Vokabeln abfragt, von Abdampfschale bis Rundkolben. Damals fand ich das nicht.
Ich weiß, dass nicht alle Lehrer sind wie Sie. Ich weiß, dass Sie etwas ganz Besonderes sind. Was sehr betrüblich ist, denn so wird aus meinem Sohn bestimmt nie ein Mathematiker oder ein Sozialwissenschaftler. Deshalb habe ich noch eine Bitte. (Und ich hoffe, Sie empfinden das nicht als unverschämt.)
Können Sie sich noch weiterbilden und eventuell noch das ein oder andere Fach übernehmen? Am liebsten wären mir Deutsch, Mathe, Englisch, Spanisch und Erdkunde. Das schaffen Sie doch! Eventuell würde Ihnen auch noch Politik gefallen? Ich bin auch gerne bereit, Sie zu unterstützen. Allerdings nicht heute, da muss ich die Fragen meines Sohnes beantworten. Er hat nämlich ein Chemie-Quiz gebastelt.
Frage 1: Woraus besteht Glas hauptsächlich?
Ich war so dämlich und habe die Antwort (Sand) nicht gewusst. Jetzt muss ich Liegestütze machen.

Herzliche Grüße
Nikola Hotel