Muskeltraining

Ich habe Muskelkater. Leider nicht im Schreibmuskel, sondern da, wo frau das für gewöhnlich hat: Bauch, Beine, Po. Seit etlichen Monaten war ich wieder Joggen. Das Feld herunter, ein kleines Stück am Bach entlang, das nächste Feld entlang, vorbei an der Schafswiese (»Glotzt ruhig, ihr Schafe!«) und dann die scharfe Kurve bergauf.
Hier wird es verdammt hart.
Mein Ältester läuft neben mir her. Locker, leicht. Ich höre ihn nicht einmal atmen. Das ist auch gar nicht möglich, denn ich schnaufe für zehn. Ich schnaufe so laut, dass ich meine, die Lungenbläschen würden platzen.
»Brennt es bei dir auch so in den Oberschenkeln?«, frage ich ihn und bereue es sofort. An seinem verständnislosem Ausdruck sehe ich, dass er keine Ahnung hat, wovon ich rede.
»Wie brennen?«
»Ach nichts.«
»Naja, manchmal«, gibt er zu. »Wenn wir beim Fußball das Spezialtraining machen.« Er führt mir einige Sprünge vor. Seitwärts laufen, Haken schlagen. Das Ganze bergauf, wo ich schon froh bin, wenn ich nicht über meine Zunge stolpere, die auf dem Asphalt neben mir herschleift.
Er redet. Ununterbrochen. Ich zähle dafür meine Atemzüge. Seitenstiche sind das Letzte, was ich jetzt gebrauchen könnte. Dann sehe ich Sternchen. Nicht am Himmel, denn wir laufen ja bei Tageslicht. Die Sternchen sehe nur ich. Direkt vor meinen Augen. Wäre das ein Cartoon (und es muss für Außenstehende verdammt stark nach einem Cartoon aussehen!), dann würden gleich Vögelchen um mein Haupt zwitschern.
Bevor ich umkippe, beschließe ich, den Rest des Berges zu gehen. Ohnehin laufe ich so langsam, dass man bequem neben mir herschlendern könnte. Das erinnert mich an einen Tag meiner Kindheit:
Bad Ischl, Österreich. Wir fuhren mit einer historischen Bimmelbahn. Auf einer Plakette im Wageninneren stand in Frakturschrift: »Blumenpflücken während der Fahrt verboten!«
Als Kind habe ich mich darüber beömmelt. Aber nur so lange, bis die Bahn anfuhr. Das Tempo war so gähnend langsam, dass ich durchaus verstehen konnte, wenn man zwischendurch die Zeit nutzen und ein paar Beeren am Wegesrand einsammeln wollte.
Mein Sohn jedenfalls besaß den Anstand, auf das Blumenpflücken neben mir zu verzichten. Das rechne ich ihm hoch an. •