Regenschirmnostalgie

Der Liebste braucht einen neuen Regenschirm. Aufgefallen ist ihm das vor einigen Tagen, als er sich wie üblich auf den Sportplatz quälte, um seine Söhne beim Fußball anzufeuern. (Er behauptet immer, sich dorthin quälen zu müssen, um mein Mitleid zu erregen, aber im Grunde wissen wir beide, wie gerne er am Spielfeldrand steht und mit leiser Stimme wichtige Instruktionen an den Schiedsrichter weiterleitet, ohne die der kein faires Spiel pfeifen könnte, dieser Versager.)
Als der Liebste diesmal durchnässt und mit klappernden Zähnen wieder zu Hause ankommt, teilt er mir mit, er habe seinen Schirm verloren. Nach kurzer Recherche finden wir heraus, dass der Schirm am Wochenende bei unserem Restaurantbesuch in der L’Osteria am Rhein verblieben sein muss.
»Ich habe diesen Schirm geliebt!«, erklärt mir mein Mann.
»War der nicht bloß vom Aldi?«, will ich wissen.
Der Liebste bekommt verklärte Augen und nickt. »Hat nur acht Euro gekostet. Aber es war der beste Schirm, den ich je hatte. Ein Familienschirm.« Sein Blick wird wehmütig. »Nie wieder werde ich einen solchen Schirm finden.«
Ich bin praktisch veranlagt und sage: »Dann fahr halt hin, bestimmt haben sie ihn aufgehoben.«
Er schüttelt den Kopf. »Ganz sicher hat ihn sich schon jemand unter den Nagel gerissen. War ein guter Schirm.« Er klingt, als spräche er über einen alten Kriegskameraden.
»Wenn er dir so wichtig ist, dann solltest du trotzdem hinfahren.«
Der Liebste ist jedoch ebenfalls praktisch veranlagt. »Bis zur L’Osteria sind es mehr als 20 Kilometer. Allein das Benzin, das ich dabei verfahre, die Umweltbelastung, die Zeit, die mich das kostet — für einen Schirm, der bloß acht Euro wert ist — nur um am Ende mit leeren Händen wieder nach Hause zu kommen …« Seine Stimme erstirbt.
Eine knappe Woche später sucht er den nächsten Aldi auf (zwei Kilometer von uns entfernt), hat aber kein Glück, Regenschirme sind gerade nicht im Angebot. Im Lidl ebenfalls nicht. Der dm-Markt führt zwar Regenschirme (noch einmal 2 Kilometer entfernt), allerdings nur Knirpse. Ich schlage dem Liebsten vor, sich mit einem solchen zufriedenzugeben. Aber er lehnt ab. Ein Knirps, so könne man bereits aus dem Namen ableiten, eigne sich nicht für einen erwachsenen Mann, erst recht nicht für einen, der am Spielfeldrand zu stehen beliebt, er könne sich damit dem Spott der anderen Väter aussetzen. Das sehe ich ein.
Bei der nächsten Gelegenheit nehme ich mir einen Nachmittag frei, um den Liebsten zum Kaufhof nach Siegburg zu begleiten. (22 Kilometer, einfache Strecke) Auf dem Weg dorthin, spule ich meine Motivationsleier ab: Auch andere Läden haben schöne Schirme, viele Schirme führen in die Trockenheit, im Notfall ist ein Leben ohne Schirm auch möglich usw.
Der Kaufhof führt Schirme, jede Menge Schirme. Wir befinden uns quasi im Regenschirm-Eldorado! Doch der Liebste ist unglücklich. Keiner der Schirme kann ihn sowohl von der Farbgebung, der Funktionalität als auch der Größe überzeugen. Mit leeren Händen und einsamem Herzen fahren wir nach Hause.
Auf dem Weg vom Parkplatz zum Haus regnet es.
Einen Tag später — über Nacht hat der Liebste neuen Mut gewonnen — schlägt er mir einen Ausflug nach Asbach vor. Das ist lediglich 14 Kilometer von uns entfernt und man fährt eine kurvenreiche Strecke durch die schönste Natur. Wenn wir schon mal da wären, so könnten wir doch auch gleich das Einkaufscenter dort besuchen, er habe gehört, dort gäbe es eine große Auswahl an Regenbekleidung und -zubehör.
Der Ausflug dauert nicht lang, und wir finden dort tatsächlich nach weniger als einer Stunde einen passenden Regenschirm. Er ist schwarz, er ist groß und er lässt sich mit einem Knopfdruck bedienen. Lediglich der Griff ist nicht so angenehm gummiert wie der alte Schirm, den wir verloren haben. Bei diesem könne der Liebste eventuell kalte Hände bekommen.
Wir erwerben noch ein Paar Handschuhe.
Jetzt in diesem Augenblick steht der Liebste auf dem Sportplatz, um seine Söhne anzufeuern. Die Sonne scheint, aber ich weiß, dass er den neuen Schirm im Kofferraum mitgenommen hat, für alle Fälle. Er ist glücklich, und ich freue mich mit ihm. Deshalb habe ich auch die Nachricht auf dem Anrufbeantworter eben gelöscht. Jemand von der L’Osteria hat angerufen, weil wir offenbar unseren Schirm dort vergessen haben. Ich finde ja, man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen. •