Rehbock mit Schleier

Seit über einem Jahr erhalten wir regelmäßig Besuch von einem unwillkommenen Gast: ein Rehbock mit zwei kleinen Hörnern. Er kommt immer dann, wenn der Tisch für ihn reich gedeckt ist, sprich: Es gibt Blumen.
Keine Ahnung, warum er ausgerechnet so einen Blütenfimmel hat. Er ist schließlich ein Kerl. Zuerst haben wir die Kinder verdächtigt, die Rosenblüten abzureißen. (Wer Kinder hat, weiß ja, dass man denen alles zutrauen kann.) Aber dann erwischten wir ihn in flagranti.
Er sieht hübsch aus mit seinem süßen Köpfchen und den eleganten Beinen, wenn er mit Genuss den Garten abgrast, während wir nichtsahnend am Kaffeetisch sitzen. Es sieht auch hübsch aus, wenn er über hohe Zäune springt. Leider springt er immer auf die falsche Seite. Wegen ihm haben wir eine Menge Opfer zu beklagen: Rosen, diverse Büsche, Stockrosen (Weiß er nicht, dass auf das Dezimieren von Stockrosen die Todesstrafe steht?), Gartenkräuter, Tulpen, Narzissen … (Liste beliebig erweiterbar.) Im Winter saugte er wie ein Staubsauger die Körner unter den Vogelhäuschen auf.
Neulich sah ich ihn frisch verliebt. Seine Partnerin wartete hinter dem Zaun, während er sich bei uns sättigte. Sie sah ihm bewundernd zu. Ich bin mir sicher, dass er ihr nur zeigte, was er für tolle Futterplätze kennt. An seiner Seite müsste ihr Nachwuchs niemals Hunger leiden, so viel ist klar.
Anscheinend haben sich die beiden nun verlobt.
Gestern sagte unsere Nachbarin, der Bock hätte ihre Tomatenpflanzen getötet. Auch das grüne Netz, mit dem sie diese vorsorglich abgedeckt hatte, war verschwunden. Hoffentlich hat er es gefressen, meinte sie, dann wäre er bald hin. (An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich ihm auch mehr als einmal gewünscht habe, er solle an Bauchschmerzen verenden. Man mag es mir verzeihen, es ging dabei schließlich um mein Gemüse.) Jedenfalls sah ich ihn heute wieder. Er fraß gerade an einem Strauch, der direkt neben der Kinderschaukel wächst. Meine Kinder waren entzückt. Mein Mann war entzückt. »Mach doch mal ein Foto!«, meinte er.
Als ob ich ein Foto machen würde, wenn das Vieh sich vor meinen Augen den Bauch vollschlägt! Ich rannte also nach draußen, ruderte mit den Armen und gab Laute von mir, die man eher von einem Neandertaler erwarten würde. Der Rehbock stutze, dann trabte er los. Elegant flog er über die Koppel dahin und setzte über den Zaun. Ein grünes Netz (das grüne Tomatennetz) hing an seinen Hörnern fest und flatterte wie ein Schleier hinter ihm her.
Deshalb weiß ich so genau, dass er sich verlobt hat. Die Hochzeit findet sicher heute Nacht in unserem Gemüsebeet statt. Ich überlege, Reis für sie auszustreuen. Man muss schließlich wissen, wann man verloren hat. •