Selbstversuch

Ich sage euch, wenn es anfängt zu brennen«, erkläre ich meinen Jungs, die gebannt neben mir am Esstisch sitzen. Der Mittlere hält eine Stoppuhr in der Hand, die anderen beiden beäugen mit Argwohn den feuerroten Chili vor mir auf dem Frühstücksbrettchen. Mein Liebster hat sich nach oben ins Schlafzimmer verkrochen, dabei weiß er noch gar nicht, dass er die Hauptrolle zu spielen hat.
Der Große hat bereits einen Bleistift gezückt, bereit, jedes Detail des Versuchs aufzuschreiben. »Jetzt mach schon!«
»Ok«, sage ich. »Milch?«
»Steht auf dem Tisch«, antworten alle drei.
»Weißbrot?«
»Ist auch da.«
»Notrufnummer?«, erkundige ich mich, dabei bin ich sicher, dass ich die nicht brauchen werde. Zumindest hoffe ich ganz stark, dass ich die nicht brauchen werde.
»Neben dem Telefon.«
Jetzt bin ich einigermaßen beruhigt. Außerdem wird es so schlimm schon nicht werden, ich habe weder eine Red Savina noch eine Bhut Jolokia eingekauft, sondern stinknormale Chilis für die europäische Küche.
»Die Spitze besitzt am wenigstens Schärfe«, erkläre ich meinen Jungs.
»Mann, Mama, beiß endlich rein!«
»Puh«, mache ich und atme noch einmal tief durch. »Jetzt!«, sage ich zu Juli, der die Stoppuhr hält, dann beiße ich die Spitze ab. Die Uhr tickt.
»Schmeckt wie ganz normale Paprika.« Mutig knabbere ich noch mehr davon ab.
Der Große macht Notizen. Der kleine Flo macht große Augen.
»Meine Zunge fängt an zu brennen.«
»Nach zwanzig Sekunden«, sagt Juli und bewacht die Uhr.
»Jetzt brennt auch mein Gaumen. Und das Zäpfchen«, füge ich hinzu.
Adri kritzelt diverse Kürzel auf das Protokoll.
»Meine Lippen, meine Nase, mein ganzer Hals«, röchle ich. Mir steigen die Tränen in die Augen. Nach weiteren dreißig Sekunden ist es so weit.
»Hol den Papa!«
Meinen Gaumen, der in Flammen steht, kühle ich derweil mit einem halben Liter Milch.
Als mein Liebster kommt, sage ich: »Küss mich!«
»Wieso?« Er ist misstrauisch.
»Mit Zunge!«
»Aber doch nicht vor den Kindern«, weicht er aus.
»Die müssen das doch protokollieren!«, erkläre ich.
Er schüttelt vor Unverständnis den Kopf, lässt sich aber küssen. Dann stößt er mich mit einem Schmerzenslaut abrupt von sich.
»Bist du verrückt?«
»Brennt es?«, erkundige ich mich.
»Natürlich brennt es!«, faucht er.
»Sehr gut!«, sage ich und nicke Adri zu, der das sofort schriftlich fixiert.
Flo hüpft freudig auf den Tisch. »Es brennt, es brennt!«, jauchzt er.
Juli hält die Uhr an. »Das war schnell!«
»Ihr habt sie doch nicht mehr alle!«, stellt mein Liebster fest.
»Das ist doch Recherche!«, klärt ihn mein Ältester auf.
»Eben«, sagt Juli.
»Alles für die Kunst!«, weiß Flo schon mit fünf.
Mein Liebster tippt sich an die Stirn und trollt sich. Wir vier machen danach noch mehrere andere Versuche: Zum Beispiel wollen wir den Unterschied in der Schärfe von Fruchtfleisch zu Scheidewänden oder Kernen festhalten. Oder die Reaktion von normaler Haut im Vergleich zu Schleimhäuten.
Anschließend sind wir innerlich und äußerlich ganz rot. Aber was tut man nicht alles für eine gute Geschichte. •