Sponsorenlauf

Die Schulen brauchen Geld. Über die Jahre haben sie gewiefte Methoden entwickelt, um an solches zu kommen. Auf Platz 1 der Geld-Sammel-Aktionen steht der Sponsorenlauf. Das ist eine raffiniertere Angelegenheit als eine Tupperparty. Auf einer Tupperparty gibt man schon nicht gerne zu, dass man kein Geld für all die schönen Plastikboxen hat. Und wenn die Frau, die all die schönen Plastikboxen präsentiert, ankündigt, dass nur noch wenige Euros fehlen, damit die Gastgeberin ein Konvolut von Pfannenwendern erhält, setzt einen das gehörig unter Druck.
Beim Sponsorenlauf ist es noch schlimmer. Denn eintragen muss man etwas, wenn man nicht will, dass das eigene Kind sich die Augen ausweint. Die Kinder, die am meisten eingebracht haben, werden nämlich in der Klasse namentlich erwähnt. Für jede Runde, die das Kind läuft, müssen seine Sponsoren bezahlen. Sponsoren sind in diesem Falle Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten oder mitleidsvolle Nachbarn, die so dumm waren, die Haustüre zu öffnen, als unsere Kinder bei ihnen klingelten.
Zu Beginn unserer Sponsoren-Laufbahn ist es uns passiert, dass wir großzügig 10 € eingetragen haben und das Kind hatte am Tag des Laufs gut gefrühstückt und lief 10 Kilometer.
Wir sind aber keine Anfänger mehr. Wir wissen genau, wie man einen Sponsorenzettel ausfüllt, um möglichst wenig geschröpft zu werden.
»Wie viele Runden gedenkt ihr zu laufen?«, fragen mein Mann und ich unsere Söhne.
»Mal sehen«, ist die einstimmige Antwort.
»Wir müssen das aber vorher wissen«, erkläre ich rundheraus. »Sonst wird es zu teuer.«
»Aber Mama«, fängt der Große an. »Das kann ich vorher nicht sagen. Bei fünfzig Cent bin ich nicht so motiviert wie bei fünf Euro, ist doch klar.«
Mein Mann nickt wissend. »Also müssen wir wenig eintragen, damit ihr wenig lauft.« Er schnappt sich den Zettel und trägt neben seinen Namen 0,10 € ein.
»Du kannst doch nicht bloß zehn Cent eintragen!«, empöre ich mich. »Wie sieht das denn aus?«
»Ist mir egal, wie das aussieht. Wenn sie zehn Kilometer laufen, dann kostet mich das nur ein Euro, ist doch super.«
Es folgt das jährliche Ritual von Argumenten und Gegenargumenten. Bei der Halbzeit fallen Worte wie Gruppenzwang und Mafia. Am Ende einigen wir uns auf 1 € und nehmen den Kindern das Versprechen ab, nicht mehr als fünf Kilometer zu laufen.
Es ist nicht so, als wären wir geizig. Aber mit den Jahren stumpft man ab. Vor allem fischt man so häufig Zettel mit Zahlungsaufforderungen aus dem Ranzen, dass man sich allein beim Anblick eines Schullogos sofort aufs Portemonnaie setzen möchte.

Es kommt der Tag des Sponsorenlaufs.
Die Kinder bekommen kein Frühstück. Sie müssen die Sportschuhe anziehen, die wir aus einem alten Karton gefischt haben und die ihnen viel zu klein sind. Dafür packen wir sie in Thermo-Unterwäsche, in die wir vorher kleine Gewichte eingenäht haben. So bringt jedes unserer Kinder ein Plus von 10 Kilo auf die Waage. Sie schleppen sich mühsam zum Bus. Als sie nachmittags wieder nach Hause kommen, belauern wir sie bereits an der Haltestelle.
»Wie viele Runden seid ihr gelaufen?«
Unsere Söhne sind missgelaunt. Sie beschweren sich, ihre Trainingsanzüge seien viel zu warm und zu schwer gewesen. Es sei unmöglich, damit mehr als fünf Runden zu laufen. Aber kein Problem, die Kinder, die an den Haltepunkten Dienst taten, hätten ihnen so viele Stempel aufgedrückt, bis die Karte voll war. Wir sollen uns jetzt schon auf eine saftige Rechnung gefasst machen.

Nun überlegen wir, ob wir Manipulationsvorwürfe erheben sollen. Aber dann kommt mein Mann auf die Idee, einen anonymen Anruf zu tätigen. Mit ein bisschen Glück können wir bald nachweisen, dass unsere Söhne gedopt haben und sie werden nachträglich disqualifiziert. •