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Im Augenblick ist unser Leben höllisch aufregend. Es fing ganz harmlos damit an, dass der Bildschirm unseres schnurlosen Telefons plötzlich schwarz wurde. Hätte ich vorhergesehen, worauf das hinauslaufen würde, hätte mir da schon das Herz bis zum Halse gepocht, aber ich war völlig ahnungslos. So unternahmen wir alles erdenklich Mögliche, um das Gerät zu reaktivieren. Wir beschenkten es mit neuen Akkus, gönnten ihm ein stundenlanges Strombad an der Steckdose und wischten mit einem fusselfreien Lappen zärtlich über das Gehäuse. Doch es half alles nichts, der Bildschirm wurde nur für Minuten hell, um dann mitten in einem wichtigen Telefonat endgültig zu erblinden.

Der Liebste besah sich den Schaden mit fachkundigem Blick und stellte fest, dass es sich bei diesem Gerätetod ganz klar um geplante Obsoleszenz handeln müsse, schließlich sei die Garantie gerade erst abgelaufen. »Stell dich schon mal darauf ein, dass die beiden anderen Handgeräte bald ebenfalls kaputtgehen.«

Mit grimmiger Miene begann er auch sogleich, im Internet nach geeigneten Nachfolgern zu googeln.

Ich hingegen googelte erst einmal nach diesem Fremdwort. Da ich aber Verschwörungstheorien grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, tat ich seine Prophezeiung mit einem Kopfschütteln ab.

Vier Tage später versagte das zweite Handgerät unseres Telefons, und ich wurde nervös. Was, wenn wir bald ganz ohne Telefon dastünden? Was, wenn sich aus den beiden defekten Geräten eine ganze Serie entwickeln würde? Sind es nicht immer drei Dinge, die kaputtgehen? Bitte nicht das Auto, flehte ich. Hoffentlich nicht die Waschmaschine, meinte der Liebste.

Um das letzte Telefon vor seinem plötzlichen Gerätetod zu bewahren, gaben wir den Kindern ausführliche Instruktionen, wie sie es in Zukunft zu behandeln hätten. Wir untersagten Ihnen, das Handgerät weiterhin unter ihren Klamottenbergen zu vergraben, oder damit aus Wut über ihr Versagen an der Playstation auf die Tischplatte zu hämmern, wie sie es für gewöhnlich taten. Wir rieten ihnen, die Gespräche zu reduzieren, um möglicher Überhitzung vorzubeugen. Und wir verlangten außerdem, dass sie es nach der Benutzung die Treppe heruntertragen und es liebevoll wieder auf die Ladestation stecken sollten. Ihm gut zuzureden, könne auch nicht schaden.

Ich muss gestehen, dass ich mich nach einer weiteren Woche ohne besondere Vorkommnisse in Sicherheit wiegte. Das Telefon dudelte freundlich vor sich hin, falls es jemand wagte, uns direkt anzurufen, ohne sich vorher per WhatsApp zu vergewissern, ob es gerade passte. Die Sonne schien, die sogenannte geplante Obsoleszenz war nur ein paranoider Gedankensprung im Universum und überhaupt wurde Telefonieren völlig überbewertet.

Nach zehn Tagen jedoch klingelte die Basisstation unseres Telefons, aber das letzte verbliebene Handgerät blieb stumm. Die Gänsehaut, die mich überzog, war ein erster Vorgeschmack auf das, was uns nun jeden Tag bereichert: Nervenkitzel pur.

Wir benutzen nun ein altes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe, das ich irgendwann in einem Anflug von Nostalgie gekauft hatte. Allein der Hörer wiegt ein ganzes Kilo, was verhindert, dass die Gespräche ausufern. Um ellenlange Telefonnummern zu wählen, bedarf es Geduld und eines starken Zeigefingers, aber das ist kein Problem, wir sind nun trainiert. Woran wir uns aber nie gewöhnen werden, ist das Herzklopfen und die Aufregung, wenn das Telefon klingelt, und das liegt nicht daran, dass es so laut scheppert, als kullerten Murmeln in einem Kochtopf hin und her. Mit einem Mal wissen wir nicht mehr, wer gerade anruft, und das ist schockierend! Früher genügte ein Blick auf das Display, um zu entscheiden, ob man gerade zuhause war oder (lieber) nicht.

Der Steuerberater? Die Zahnärztin? Die Lehrerin, weil dringend Gesprächsbedarf herrscht? Wir sind leider nicht zuhause.

Aber jetzt ist jeder Telefonanruf eine Bombendrohung. Nach dem ersten Ton schon bricht einem der Schweiß aus, und man geht gedanklich alle Sünden durch, die man in den vergangenen Tagen begangen hat. Haben wir falschgeparkt? Die Bücher nicht rechtzeitig in die Bücherei zurückgebracht? Einen Geburtstag vergessen, oder versäumt, den Wasserhahn bei der Schwiegermutter zu reparieren?

Wenn ich nun den Hörer abnehme, überrieselt mich ein Schauer und alle Härchen auf meinen Unterarmen stellen sich auf. Ich hauche ein »Ja bitte?« in die Muschel, bereit, jederzeit den Kopf einzuziehen oder mich in Ausflüchten zu ergehen. Dieser Nervenkitzel ist atemberaubend. Außerdem hält er jung und flexibel, denn man muss sich nun innerhalb von Sekunden auf einen unerwarteten Gesprächspartner einstellen. Glücklicherweise sind die Gespräche aber fast nie für mich oder den Liebsten. Es sind Freunde unserer Kinder dran, die sich beschweren, dass unsere Jungs nicht an ihre Handys gehen. »Wahrscheinlich ist der Akku leer«, sage ich dann und erfreue mich an der Tatsache, dass ich das alte Bakelit-Telefon wegen des Kabels nicht zu ihnen die Treppe hochtragen kann.

Das Auto ist übrigens trotzdem kaputtgegangen.