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Schreibwahn auf der Zielgeraden

Die Sterne für mein neues Manuskript standen nicht sehr günstig. Nach anfänglichem Enthusiasmus traf mich ein Rückschlag ziemlich hart: Der Verlust von fast achtzig Seiten durch einen Datencrash. Das hat mich aus der Bahn geworfen und auch ziemlich demotiviert. Die ewig schwankenden Gefühle zwischen »genial« und »banal« trugen auch nicht dazu bei, mein Schreibtempo anzukurbeln. Aber ich habe mich vorangekämpft. Seite für Seite, Wort für Wort. Und heute habe ich tatsächlich »Ende« unter mein Manuskript getippt.
 Gestern Nacht saß ich noch bis halb eins am Laptop und ging erst ins Bett, nachdem ich die Augen selbst mit Streichhölzern nicht mehr hätte aufhalten können. Ich stellte mir den Wecker auf vier Uhr, weil der Schreibflow einfach nicht abebben wollte. Immer weiter flossen die Sätze heraus. Ich habe Tränen gelacht und Tränen geheult und in den letzten 24 Stunden 28 Seiten geschrieben. Das ist mir noch nie passiert.
Ich halte überhaupt nichts von dieser Quantität. An richtig guten Tagen kann ich stolz sein, wenn ich sechs Seiten vorangekommen bin. Das liegt an meiner planlosen Arbeitsweise. Ich kann meine Geschichten nicht plotten. Ich hasse es zu plotten. Es erscheint mir so künstlich, konstruiert, erzwungen. Obwohl ich weiß, dass es mir über schwierige Schreibphasen hinweghelfen würde, wenn ich einen Plan habe, bringe ich es einfach nicht über mich. Ich lasse meine Charaktere machen. Sie werden schon wissen, wo es langgeht. Die Geschichte zu schreiben ist deshalb für mich genauso spannend, wie ein fremdes Buch zu lesen. Überraschend, neu, anders.
 Und dann dieser Flow, der mich einfach mitgerissen hat. Am Abend die Einladung zum Grillen, bei der mir erst bewusst wurde, den ganzen Tag noch nichts gegessen zu habe. Diese Endorphine kennen sonst wohl nur Sportler vom Runners-High.
Sie hat mir den Atem geraubt und mich unglaublich glücklich gemacht — Raphaels kochende Leidenschaft. Ich hoffe, ich kann davon zehren, wenn ich das nächste Mal wieder tagelang um eine einzige Formulierung ringe.

Selbstversuch

Ich sage euch, wenn es anfängt zu brennen«, erkläre ich meinen Jungs, die gebannt neben mir am Esstisch sitzen. Der Mittlere hält eine Stoppuhr in der Hand, die anderen beiden beäugen mit Argwohn den feuerroten Chili vor mir auf dem Frühstücksbrettchen. Mein Liebster hat sich nach oben ins Schlafzimmer verkrochen, dabei weiß er noch gar nicht, dass er die Hauptrolle zu spielen hat.
 Der Große hat bereits einen Bleistift gezückt, bereit, jedes Detail des Versuchs aufzuschreiben.
»Jetzt mach schon!«
»Ok«, sage ich. »Milch?«
»Steht auf dem Tisch«, antworten alle drei.
»Weißbrot?«
»Ist auch da.«
»Notrufnummer?«, erkundige ich mich, dabei bin ich sicher, dass ich die nicht brauchen werde. Zumindest hoffe ich ganz stark, dass ich die nicht brauchen werde.
»Neben dem Telefon.«
Jetzt bin ich einigermaßen beruhigt. Außerdem wird es so schlimm schon nicht werden, ich habe weder eine Red Savina noch eine Bhut Jolokia eingekauft, sondern stinknormale Chilis für die europäische Küche.
»Die Spitze besitzt am wenigstens Schärfe«, erkläre ich meinen Jungs.
»Mann, Mama, beiß endlich rein!«
»Puh«, mache ich und atme noch einmal tief durch. »Jetzt!«, sage ich zum Mittleren, der die Stoppuhr hält, dann beiße ich die Spitze ab. Die Uhr tickt. 
»Schmeckt wie ganz normale Paprika.« Mutig knabbere ich noch mehr davon ab.
 Der Große macht Notizen. Der Kleinste macht große Augen.
»Meine Zunge fängt an zu brennen.«
»Nach zwanzig Sekunden«, sagt der Mittlere und bewacht die Uhr.
»Jetzt brennt auch mein Gaumen. Und das Zäpfchen«, füge ich hinzu.
 Der Große kritzelt diverse Kürzel auf das Protokoll.
»Meine Lippen, meine Nase, mein ganzer Hals«, röchle ich. Mir steigen die Tränen in die Augen. Nach weiteren dreißig Sekunden ist es so weit.
 »Hol den Papa!«
Meinen Gaumen, der in Flammen steht, kühle ich derweil mit einem halben Liter Milch.
 Als mein Liebster kommt, sage ich: »Küss mich!«
»Wieso?« Er ist misstrauisch.
»Mit Zunge!«
»Aber doch nicht vor den Kindern«, weicht er aus.
»Die müssen das doch protokollieren!«, erkläre ich.
Er schüttelt vor Unverständnis den Kopf, lässt sich aber küssen. Dann stößt er mich mit einem Schmerzenslaut abrupt von sich.
 »Bist du verrückt?«
»Brennt es?«, erkundige ich mich.
»Natürlich brennt es!«, faucht er.
»Sehr gut!« Ich nicke dem Großen zu, der das sofort schriftlich fixiert.
Der Kleine hüpft freudig auf den Tisch. »Es brennt, es brennt!«, jauchzt er.
Der Mittlere hält die Uhr an. »Das war schnell.«
»Ihr habt sie doch nicht mehr alle!«, stellt mein Liebster fest.
»Das ist doch Recherche«, klärt ihn der Große auf.
»Eben«, sagt der Mittlere.
»Alles für die Kunst!«, weiß der Kleine schon mit fünf.
 Mein Liebster tippt sich an die Stirn und trollt sich. Wir vier machen danach noch mehrere andere Versuche: Zum Beispiel wollen wir den Unterschied in der Schärfe von Fruchtfleisch zu Scheidewänden oder Kernen festhalten. Oder die Reaktion von normaler Haut im Vergleich zu Schleimhäuten.
 Anschließend sind wir innerlich und äußerlich ganz rot. Aber was tut man nicht alles für eine gute Geschichte.