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Die letzten Tage bin ich noch einmal in Tschechien gewesen, um meine Erinnerungen aufzufrischen und die Luft einzuatmen, die durch die ersten beiden Bände der Rabenblut-Saga weht. Gewohnt habe ich wieder in einer kleinen Pension in Český Krumlov, einem mittelalterlichen Städtchen mit pittoresken Häusern, die einem das Gefühl vermitteln, durch einen tschechischen Märchenfilm zu spazieren. Doch leider sind die wunderschönen Häuser nur noch Kulisse, lediglich 300 Menschen sollen dort tatsächlich noch wohnen. Inzwischen ist der Ort so stark touristisch überlaufen, dass kein echtes Leben dort mehr zu sehen ist. Die historische Innenstadt gehört zwar seit 1992 zum Unesco-Weltkulturerbe, doch schützt diese Auszeichnung nur die Gebäude und nicht das städtische Leben. Ein wenig hat man das Gefühl, durch einen Straßenzug von Disneyland zu laufen, was ich sehr traurig finde. Es ist für mich auch nicht so leicht gewesen, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen, obwohl viele Englisch und Deutsch verstehen und ich mich auch bemüht habe, wenigstens einige Sätze auf Tschechisch zu stammeln. Für die Augen ist der Ort also ein Traum, für die Seele jedoch nicht.

Von dort aus habe ich dann einen Tagesausflug nach Orlík nad Vltavou unternommen, das Schloss der Familie von Schwarzenberg, welches ich im Roman Alexejs Großmutter angedichtet habe. Mein Glück war, um die Mittagszeit die einzige Besucherin gewesen zu sein, deshalb bekam ich eine exklusive Führung durch das kleine Schloss und konnte einige brennende Fragen loswerden.

Ganz sicher gibt es beeindruckendere Burgen und Schlösser in Böhmen, aber durch die Bücher bin ich emotional stark an diesen Ort gebunden. Es kommt mir vor, als hätte ich all diese Vorkommnisse dort selbst erlebt, wäre mit Sergius dort aus dem Fenster geklettert, hätte im Innenhof gegen das Habichtweibchen gekämpft oder an der Moldau das Herz aus diesem kleinen Rabenkörper geschnitten. So viel schöne und schreckliche Dinge sind dort geschehen, und ein Stück aus meinem Herzen wird für immer dort zurückbleiben.

Meine Wanderung durch den Nationalpark einen Tag später, auf die ich mich am meisten gefreut habe, wurde allerdings ein selbstverschuldetes Desaster. Eigentlich bin ich es gewohnt, mich in einem fremden Wald zu bewegen, aber man kann sich auch als erwachsener Mensch ziemlich dämlich anstellen, habe ich festgestellt. Nur so viel: Ich habe mich verlaufen und bin einige Stunden länger als geplant in der Gegend um den Fluss Vydra herumgeirrt. Belohnt wurde ich aber durch eine atemberaubende und kraftvolle Landschaft, die einem so viel mehr schenkt als es alte Städte mit ihren Bauten je könnten.

Ich werde jetzt schon wehmütig, wenn ich daran denke, dass ich nach Abschluss der Trilogie wahrscheinlich so bald nicht noch einmal nach Südböhmen fahren werde. Aber in meinem Kopf tauchen dafür nun andere wunderbare Orte in Osteuropa auf, die mich sehr faszinieren und die es ganz bestimmt wert sind, durch Geschichten mit Blut gefüllt zu werden.

Auf dem letzten Bild seht ihr das Wappen derer von Schwarzenberg, wie es im Innenhof von Zámek Orlík abgebildet ist. Deutlich zu erkennen ist der Rabe, der auf einen Türkenkopf einpickt.

Diesen Teil des Wappens gibt es so seit 1599. Adolf von Schwarzenberg hat gemeinsam mit dem Grafen Pálffy die Festung Raab von den Türken zurückerobert und wurde dafür von Rudolf II. (HRR) mit einem Grafentitel belohnt. Lange hatte er nichts davon, denn schon 1600 wurde er tödlich verwundet. Dr. Karl Fürst zu Schwarzenberg (ehemaliger Außenminister der Tschechischen Republik) schrieb dazu in der 1956 erschienen Erklärung zum Wappen der Fürsten zu Schwarzenberg: »Dieses Gnadenwappen hat wegen seiner einprägsamen Form eine besondere Popularität erworben. Ich meine, wer überhaupt von Schwarzenbergischen Zeichen etwas weiß, der wird zunächst den Raben im Gedächtnis behalten haben. Das ist auf die Übung der Familie selbst zurückzuführen, welche den Raben förmlich zu ihrem Abzeichen gemacht hat.«

In Anbetracht meiner Geschichte wundert mich das natürlich gar nicht.